Blutegeltherapie



Therapie mit lebenden Blutegeln





Blutegel nach ca. 30 Minuten Saugakt an Pferdebein

Seit 500 Millionen Jahren haben sich die im Wasser lebenden Blutegel (Hirudo medicinalis) im Laufe der Evolution an die Biologie ihrer Wirtstiere angepasst (meistens Säugetiere: Hirsche, Elche, Pferde, Büffel usw.). Sie ernähren sich ausschließlich von Blut, dass sie aus einer mit drei Kieferleisten in die Haut eingeritzten Wunde aussaugen. Ein Blutegel saugt dabei je nach Größe zwischen 20 – 30 ml Blut und beim Nachbluten fließt etwa noch einmal die gleiche Menge ab. Der Saugakt ist für das Wirtstier, durch die Injektion von schmerzstillenden Mitteln des Egels (Anästhetikum), schmerzfrei. Das langsame und lange Ausströmen des Blutes nach dem Saugakt ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Wird der Blutstrom rasch gestillt sind die Behandlungserfolge geringer und die Wunden zeigen eine erhöhte Entzündungsbereitschaft.

Hat ein Egel gebissen ist von dem Versuch ihn vorzeitig durch das Aufbringen von Salz oder anderen Substanzen oder gewaltsam durch Schmerz oder Erschrecken abzulösen, dringend abzuraten. Dies kann ein Erbrechen des Egels auslösen! Dadurch können Darmbakterien des Egels (Aeromonas hydrophila) in die Wunde gelangen und diese infizieren. Ein natürlicher Saugakt dauert zwischen 20 – 60 Minuten, selten bis zu zwei Stunden.

Die für die Behandlung verwendeten Blutegel stammen aus der zertifizierten Biebertaler Blutegelzucht (Fa. Zaug, Giessen) und gewährleisten durch eine kontrolliert ökologische Hälterung durch Experten eine innerlich und äußerlich reduzierte Bakterienflora und die optimale Zusammensetzung der Saliva (Egelspeichel). Dort gezogene Blutegel gelten als medizinisches Arzneimittel. Das BUNDESINSTITUT FÜR ARZNEIMITTEL UND MEDIZINPRODUKTE hat deshalb eine Tötung der Tiere nach einmaligem Gebrauch durch einlegen in Spiritus oder einfrieren in der Tiefkühltruhe verordnet.

Was bewirkt der „Egelbiss“

Der Egel injiziert beim Saugakt seinen Egelspeichel, die so genannte Saliva. Hierbei handelt es sich um einen Wirkstoffcocktail, der dem Egel einen „reibungslosen“ Saugakt ermöglicht:

  • Das Blut muss leicht fließen (Gerinnungshemmung), es darf nicht gerinnen. Bestehende Thromben werden hierdurch verflüssigt und abgesaugt (Antithrombotische Wirkung) und der Egelbiss bewirkt einen Mikroaderlass.
  • Damit das Wirtstier den Saugakt „zulässt“ und den Egel nicht entfernt darf es davon nichts spüren. Es werden hierzu schmerzstillende Stoffe in die Bissstelle injiziert (Analgetische Wirkung/Schmerzstillend).
  • Durch diese Viskositätsminderung des Blutes wird es „dünner“ und kann leichter durch die Kapillaren fließen und „Abfallprodukte“ des Stoffwechsels (saure Metaboliten/ Schlackenstoffe die das Gewebe angreifen) aus dem Gewebe abtransportieren. Durch den erleichterten Fluss wird die Durchblutung gefördert und es gelangen wieder verstärkt Sauerstoffbeladene (oxygenierte) Erythrozyten in das Gewebe und fördern dessen Versorgung und Heilung.
  • Der Lymphstrom wird beschleunigt.
  • Das Immunsysthem wird durch die injizierten Stoffe angeregt (Immunisierende Wirkung).
  • Die Wunde darf sich nicht entzünden damit auch in Zukunft das Wirtstier zur „Verfügung“ steht (Bakterizide Wirkung = tötet Bakterien ab und Antiphlogistische Wirkung = Entzündungshemmend).

In der rekonstruktiven plastischen Chirurgie (bei Replantationen von abgetrennten Körperteilen) werden die Egel heute wieder häufig eingesetzt, da sie das Anwachsen der Implantate durch das Absaugen von kleinen Thromben und das Freilegen von kleinen Gefäßen und Kapillaren, welche dann wieder zusammenwachsen können, erleichtern.



Wirkstoffe

Hirudin
  • Bewirkt eine schnelle Gerinnungshemmung des Blutes durch eine Inaktivierung des Thrombins (Hemmung der Thrombinsynthese beim letzten Syntheseschritt: von Prothrombin zu Thrombin)
  • Ativiert Leukozyten
  • Evtl. fördert es die Wasserausscheidung, was sich mit einem vermehrten Harndrang bemerkbar machen kann
  • Hemmt Elastase
Calin
  • Wirkt gerinnungshemmend durch die Verhinderung der kollagenvermittelten Thrombozytenaggregation (es hemmt den „Von Willebrand Faktor“, der Erythrozyten und Kollagen zum Wundverschluß bindet). Dadurch wird für ca. 12 Stunden der Wundverschluss verzögert und das Eindringen von Bakterien mit einer folgenden Infektion der Wunde verhindert. Es ermöglicht durch die Reinigung der Wunde einen sanften Mikroaderlass.
Hyaluronidase
  • Mucolytische Vorbereitung des Interstitiums für weitere Substanzen
  • Schleimlösend
  • Antibiotische Eigenschaften
Eglin
  • Entzündungshemmend durch Hemmung der Aktivität von Enzymen (Kathepsin, G-Elastase, Subtilisin), die die Ausbreitung einer Entzündung im Gewebe fördern.
  • Gerinnungshemmend
  • Elastasehemmend
Bdellin, Apyrase, Kollagenase
  • Gerinnungshemmend (hemmt Erythrozytenaggregation)
  • Histaminähnlich, dadurch Gefäßerweiternd
  • Entzündungshemmend
Hementin
  • Wirkt Thrombenauflösend
Orgelase/Hyaluronidase
  • Fördert die Mikrozirkulation, weil es als „spreadingfactor“ anderen Wirkstoffen Platz im Interstitium verschafft, den Blutstrom im Sauggebiet verstärkt und den Lymphstrom beschleunigt
  • Erweitert die Gefäße im Wundbereich
  • Im Wundbereich hat es mucolytische Eigenschaften
  • Es wirkt Antibakteriell
Histaminähnliche Substanz
  • Erweitert die Gefäße um die Bissstelle
  • Ist verantwortlich für den Juckreiz, der entstehen kann
Piyavit
  • Löst Fibrin auf
  • Verhindert Thrombose
Kollagenase
  • Löst Strukturproteine auf

Weitere Informationen und Literaturhinweis:

www.blutegel.deFa. Zaug, Blutegelzuchtanlage bei Giessen/Hessen
Biebertaler Blutegelzucht GmbH
Talweg 31
35444 Biebertal (Giessen)
Tel.: 06409/66 14 0 - 0

Für interessierte Leser - Buchtipp: A. Michalsen, M. Roth (2006): Blutegeltherapie; Karl F. Haug Verlag – Stuttgart. ISBN 3- 8304-7169-6

Blutegelakupunktur

Besonders effizient ist das Ansetzen von Blutegeln auf Akupunkturpunkte. Diese Therapieform bietet sich z.B. bei der Therapie von Hüftgelenkdysplasie bei Hunden an, wobei die Blutegel unter anderem auf Akupunkturpunkte, die direkt am betroffenen Hüftgelenk liegen, angesetzt werden. Da Akupunkturpunkte über den gesamten Körper verteilt liegen, kann man bei fast jeder Therapie diese Punkte mit einbeziehen und somit über die Meridiane einen direkten und verstärkten Einfluss auf die erkrankte Region nehmen.

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